Jedes Ding hat drei Seiten – und warum Konflikte selten so einfach sind, wie wir glauben
- Jürgen Dostal

- 28. Mai
- 4 Min. Lesezeit
„Jedes Ding hat drei Seiten. Eine, die du siehst. Eine, die ich sehe. Und eine, die wir beide nicht sehen.“
Dieses Sprichwort beschreibt Konflikte oft präziser als viele Fachbücher. Denn die meisten Konflikte scheitern nicht an Fakten. Sie scheitern daran, dass Menschen ihre eigene Wahrnehmung mit der Wahrheit verwechseln. Im Unternehmensalltag passiert genau das ständig.

Die Führungskraft ist überzeugt, ein Mitarbeiter sei unmotiviert.
Der Mitarbeiter wiederum erlebt die Führungskraft als kontrollierend und respektlos.
HR sieht vielleicht Überlastung, fehlende Klarheit oder ungelöste Spannungen im Team.
Und alle Beteiligten können ihre Sicht logisch erklären.
Genau darin liegt die Schwierigkeit.
Denn Konflikte entstehen selten dadurch, dass eine Seite „gut“ und die andere „böse“ ist. Viel häufiger treffen unterschiedliche Wahrnehmungen, Interessen, Ängste und Erfahrungen aufeinander.
Trotzdem suchen Menschen fast automatisch nach einfachen Einordnungen.
Wer ist schuld?
Wer hat begonnen?
Wer verhält sich falsch?
Wer ist Opfer?
Wer Täter?
Das ist verständlich. Vereinfachung entlastet. Sie schafft Orientierung. Sie reduziert Komplexität.
Doch genau diese Vereinfachung zerstört oft die Möglichkeit, Konflikte wirklich zu verstehen.
Warum Menschen Konflikte vereinfachen
Viktor Frankl formulierte dazu einen bemerkenswerten Satz:
„Es ist viel einfacher und leichter, zwischen Engeln und Teufeln zu unterscheiden, als sich der Mühe zu unterziehen, jedem einzelnen Menschen gerecht zu werden.“
Dieser Gedanke trifft den Kern vieler Konflikteskalationen. Denn sobald Menschen beginnen, andere nur noch als Problem zu sehen, verändert sich die gesamte Kommunikation.
Dann wird nicht mehr gefragt.
Nicht mehr verstanden.
Nicht mehr zugehört.
Dann beginnt das Sammeln von Beweisen.
Für die eigene Sichtweise.
Für die Fehler des anderen.
Für die eigene moralische Überlegenheit.
Genau dort verlieren Konflikte ihre Beweglichkeit. Die Beteiligten verlassen die Ebene des Verstehens und wechseln in die Ebene der Bewertung. Und Bewertungen sind gefährlich. Denn sobald ein Mensch innerlich zum „schwierigen Mitarbeiter“, zur „toxischen Führungskraft“ oder zum „illoyalen Kollegen“ geworden ist, verändert sich jede weitere Wahrnehmung.
Jede Handlung wird plötzlich als Bestätigung interpretiert.
Ein kritischer Hinweis gilt als Angriff.
Ein Rückzug als mangelnde Loyalität.
Ein sachlicher Einwand als Widerstand.
Der Konflikt beginnt, sich selbst zu stabilisieren.
Konflikte entstehen selten aus Fakten allein
Besonders in Unternehmen wird oft so getan, als ließen sich Konflikte rein sachlich lösen.
Doch Menschen arbeiten nicht wie Maschinen.
Sie interpretieren Situationen.
Sie bewerten Verhalten.
Sie reagieren emotional auf Unsicherheit, Kränkungen, Druck oder fehlende Wertschätzung.
Zwei Menschen können dieselbe Situation erleben – und trotzdem völlig unterschiedliche Wirklichkeiten wahrnehmen.
Ein Geschäftsführer empfindet eine direkte Rückmeldung vielleicht als notwendige Klarheit.
Ein Mitarbeiter erlebt dieselbe Aussage als Demütigung.
Eine Führungskraft glaubt, Verantwortung zu delegieren.
Das Team erlebt mangelnde Unterstützung.
HR wiederum erkennt möglicherweise einen klassischen Loyalitätskonflikt zwischen zwei Bereichen.
Wer hat nun recht?
Oft alle – zumindest teilweise.
Und genau deshalb sind Konflikte so anstrengend.
Sie zwingen Menschen dazu, auszuhalten, dass die eigene Sicht möglicherweise unvollständig ist.
Die unsichtbare dritte Seite
Das eigentliche Problem vieler Konflikte liegt nicht in den sichtbaren Positionen.
Es liegt in jener dritten Seite, die beide bisher nicht sehen.
Dort liegen häufig die eigentlichen Ursachen:
unausgesprochene Erwartungen
verletzte Selbstachtung
Machtfragen
Unsicherheit
Loyalitätskonflikte
Angst vor Kontrollverlust
fehlende Klarheit in Rollen und Verantwortung
Doch genau diese Themen werden in Unternehmen oft nicht offen angesprochen.
Stattdessen diskutiert man über Symptome.
Über E-Mails.
Über Zuständigkeiten.
Über Prozesse.
Über einzelne Vorfälle.
Die eigentliche Spannung bleibt darunter verborgen.
Deshalb verlaufen viele Konfliktgespräche im Kreis.
Die Beteiligten sprechen zwar miteinander – aber nicht über das eigentliche Thema.
Warum gute Konfliktgespräche anstrengend sind
Viele Menschen wünschen sich schnelle Lösungen.
Doch echte Konfliktklärung verlangt etwas anderes:
Die Bereitschaft, die eigene Sichtweise nicht automatisch für vollständig zu halten.
Das klingt einfach. Ist es aber nicht.
Denn Wahrnehmungen hängen eng mit Identität zusammen.
Wer sich selbst als fair erlebt, empfindet Kritik schnell als ungerecht.
Wer sich selbst als loyal versteht, erlebt Zweifel als persönlichen Angriff.
Deshalb reagieren Menschen in Konflikten oft defensiv.
Nicht aus Böswilligkeit.
Sondern weil sie ihre eigene innere Ordnung schützen wollen.
Gute Konfliktmoderation bedeutet deshalb nicht, sofort Lösungen zu präsentieren.
Sie schafft zunächst einen Raum, in dem unterschiedliche Wirklichkeiten nebeneinander existieren dürfen, ohne sofort bewertet zu werden.
Erst dadurch entsteht Bewegung.
Warum Unternehmen diese Fähigkeit dringend brauchen
Gerade in Zeiten von Veränderung, Unsicherheit und hoher Belastung nehmen Spannungen in Unternehmen massiv zu.
Gleichzeitig sinkt oft die Bereitschaft, Konflikte offen anzusprechen.
Menschen werden vorsichtiger.
Diplomatischer.
Politischer.
Viele Konflikte bleiben deshalb lange unsichtbar.
Nach außen wirkt alles ruhig.
Doch innerlich ziehen sich Mitarbeitende zurück.
Vertrauen sinkt.
Loyalität bröckelt.
Kommunikation wird vorsichtiger.
Und genau dort beginnt für Unternehmen das eigentliche Risiko.
Denn ungelöste Konflikte verschwinden nicht.
Sie verändern nur ihre Form.
Sie zeigen sich später als Fluktuation.
Als Krankenstand.
Als stille Kündigung.
Als Machtspiele.
Oder als massive Reibungsverluste zwischen Teams und Führungsebenen.
Die wichtigste Fähigkeit in Konflikten
Vielleicht liegt die wichtigste Fähigkeit im Umgang mit Konflikten deshalb nicht darin, besonders schlagfertig oder durchsetzungsstark zu sein.
Sondern darin, neugierig zu bleiben.
Neugierig auf jene dritte Seite, die noch niemand vollständig sieht. Denn genau dort entsteht oft die Möglichkeit für echte Verständigung. Nicht in der schnellen Einteilung in richtig oder falsch. Sondern in der Bereitschaft, Menschen differenziert wahrzunehmen.
Das ist anstrengender. Aber genau dort beginnt professionelle Konfliktkultur.




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