Zerrissen in der Entscheidung
- Christiana Scholz

- vor 2 Tagen
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Warum Geschäftsführer nicht mit falschen Entscheidungen ringen müssen – sondern mit der eigenen Zerrissenheit
Die Unterlagen liegen fein säuberlich auf dem Tisch. Die Entscheidung ist im Kopf getroffen. Sachlich ist alles klar: Zahlen, Argumente und Konsequenzen sind bekannt.
Und dennoch ist da ein unbehagliches Gefühl, eine unangenehme Unruhe. Nicht, weil die Entscheidung falsch wäre, sondern weil sie nicht für sich steht. Mit dem Moment der Umsetzung wird sie wirksam für andere Menschen. Mitarbeitende sind betroffen, Beziehungen verändern sich, Erwartungen werden enttäuscht. Genau hier entsteht Zerrissenheit.

Zerrissenheit beschreibt einen Gefühlszustand, der entsteht, wenn mehrere gleichzeitig gültige Verpflichtungen zu gegensätzlichen Handlungen drängen. Sie ist kein persönliches Defizit. Sie ist eine Folge von Verantwortung.
Wirtschaftliche Verantwortung fordert Klarheit und Konsequenz.
Bindung an Menschen fordert Rücksicht.
Eigene Werte fordern Integrität.
Die Rolle als Geschäftsführer fordert Entscheidung.
Keine dieser Verpflichtungen ist falsch. Aber sie ziehen nicht in dieselbe Richtung.
Das eigentliche Problem entsteht nicht vor der Entscheidung, sondern danach. Die Entscheidung ist im Kopf getroffen, doch sie lässt sich nicht ruhig vertreten, nicht klar kommunizieren, nicht ohne inneren Widerstand umsetzen. Nicht aus Unsicherheit, sondern weil die gegensätzlichen Verpflichtungen ungeordnet nebeneinanderstehen.
Im Führungsalltag zeigt sich das sehr konkret. Gespräche werden länger als nötig, weil innerlich noch gerechtfertigt wird. Aussagen werden abgeschwächt oder unnötig hart formuliert. Entscheidungen werden formal umgesetzt, aber innerlich wieder infrage gestellt. Für das Umfeld wirkt das widersprüchlich, für die Führungskraft selbst ist es vorwiegend anstrengend.
Was hier fehlt, ist keine Entschlossenheit. Es fehlt eine innere Ordnung der gegensätzlichen Verpflichtungen, die an einer Entscheidung beteiligt sind. Solange wirtschaftliche Verantwortung, Bindung an Menschen, Werte und Rollen gleichzeitig ungeklärt auf eine Entscheidung wirken, bleibt sie zwar rational richtig, fühlt sich aber nicht in sich stimmig an.
Die dabei ersehnte Klarheit entsteht nicht dadurch, dass diese Gegensätze verschwinden – das ist auch nicht möglich. Sie entsteht dadurch, dass sie bewusst auseinandergehalten und zueinander in Beziehung gesetzt werden. Erst wenn klar ist, welche Verpflichtung in dieser Situation handlungsleitend ist, warum sie diesen Vorrang hat und wie die anderen Verpflichtungen dennoch berücksichtigt werden – auch wenn sie nicht entscheidungsleitend sind –, wird eine Entscheidung tragfähig.
Tragfähig heißt nicht konfliktfrei. Auch das ist kaum möglich. Tragfähig heißt, dass Klarheit im Denken, persönliche Haltung und konkretes Handeln zusammenpassen. Dann lassen sich Entscheidungen ruhig aussprechen, klar kommunizieren und konsequent umsetzen, ohne sich innerlich ständig zu korrigieren oder ein schlechtes Gewissen mitzutragen.
Viele Geschäftsführer investieren viel Energie in Strategie, Struktur und Prozesse. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite – die persönliche – bleibt dabei oft unbeachtet, obwohl sie maßgeblich darüber entscheidet, ob Rolle, Entscheidung und Handlung zueinanderpassen. Genau hier liegt ein zentraler Hebel wirksamer Führung: nicht im Finden besserer Entscheidungen, sondern darin, getroffene Entscheidungen mit innerer Klarheit zu vertreten.
Manche Geschäftsführer nutzen in solchen Situationen ein kurzes, strukturiertes Sparring, um innere Spannungen zu ordnen und die eigene Haltung zu klären. Nicht, um Entscheidungen abzunehmen, sondern um sie innerlich tragfähig zu machen und sicher vertreten zu können. Ein solcher Austausch schafft oft genau die Klarheit, die es braucht, um Verantwortung ruhig zu tragen.
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Innere Klarheit ist entwickelbar.
Innere Klarheit entsteht nicht von selbst. Sie ist auch keine Frage von Erfahrung oder persönlicher Reife. Sie entsteht dort, wo die gegensätzlichen Verpflichtungen einer Entscheidung bewusst sichtbar gemacht, geordnet und in eine tragfähige Haltung überführt werden, die wiederum konsequentes und authentisches Handeln ermöglicht.
Für viele Führungskräfte beginnt das nicht mit einem langfristigen Entwicklungsprozess, sondern mit einem einfachen, klar strukturierten Sparringgespräch. Ein Gespräch, in dem Gedanken sortiert, Spannungen benannt und Handlungsmöglichkeiten geklärt werden – ohne Rollenwechsel, ohne Etikett, ohne therapeutischen Rahmen.
Oft reicht genau das: ein professionelles Gegenüber, das dabei unterstützt, eine Entscheidung innerlich zu klären, bevor sie nach außen getragen wird.
Innere Klarheit und Stabilität ermöglichen verantwortungsbewusstes Entscheiden, Handeln und Kommunizieren. Sie entstehen dort, wo Zerrissenheit bewusst bearbeitet, statt übergangen wird. Das reduziert inneren Druck und schafft Energie für gezieltes Handeln.





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